
AAT #20 – Ausblick: Gesundheitswesen 2026
Gesundheitswesen 2026: Zwischen Reformdruck, Primärversorgung und digitaler Realität
Ein Jahresausblick aus Folge 20 von „All about Telemedizin“
Das deutsche Gesundheitswesen steht vor einem Jahr der Entscheidungen.
Kaum ein Jahresbeginn war so dicht gepackt mit Reformankündigungen, strukturellen Herausforderungen und offenen Systemfragen wie der Start in 2026. Schon wenige Wochen nach Jahresbeginn wird deutlich: Es geht nicht mehr um Erkenntnisse – sondern um Umsetzung.
In Folge 20 des Podcasts 🎙️ All about Telemedizin diskutiert Jan Zeggel gemeinsam mit Luisa Wasilewski, Stefan Spieren und Timo Frank einen fundierten Jahresausblick auf 2026 – offen, praxisnah und ohne politische Floskeln.
1. 2026: Ein System unter maximalem Druck
Deutschland verfügt über eines der teuersten Gesundheitssysteme weltweit – bei gleichzeitig vergleichsweise schwachem Outcome. Hohe Ausgaben, steigende Kosten, demografischer Wandel und ein zunehmender Fachkräftemangel treffen auf ein Versorgungssystem, das historisch gewachsen ist, aber strukturell kaum beweglich erscheint.
Gleichzeitig liegen zahlreiche Reformvorhaben auf dem Tisch:
- Krankenhausreform
- Primärversorgung / Primärarztsystem
- GKV-Finanzreform
- Reform der Notfallversorgung
- Apotheken-, Arzneimittel- und Pflegereformen
Die Herausforderung: Diese Vorhaben greifen ineinander – werden aber oft isoliert diskutiert.
2. Primärversorgung vs. Primärarztsystem: Mehr als ein Begriffsstreit
Ein zentrales Thema der Folge ist die Frage der zukünftigen Steuerung im Gesundheitswesen.
Dabei zeigt sich schnell: Primärversorgung ist nicht gleich Primärarztsystem.
Während ärztliche Organisationen häufig ein klassisches Primärarztsystem betonen, zielt die politische Debatte stärker auf ein Primärversorgungssystem, das breiter aufgestellt ist:
- Hausärzte
- Apotheken
- Pflege
- Digitale Erstkontakte
- Asynchrone Kommunikation
Die Kernfrage lautet nicht ob gesteuert wird – sondern wie und durch wen.
3. Patientensteuerung: Notwendig, aber missverstanden
Patientensteuerung wird in Deutschland häufig als Einschränkung wahrgenommen.
In der Diskussion wird jedoch deutlich: Steuerung bedeutet vor allem Orientierung, Qualität und Entlastung.
Internationale Beispiele zeigen:
- Weniger Arzt-Patienten-Kontakte
- Bessere Koordination
- Schnellere Versorgung für diejenigen, die sie wirklich benötigen
Entscheidend ist dabei die Akzeptanz.
Patienten folgen dem Weg des geringsten Widerstands – und dem größten Nutzen. Nur wenn Steuerung verständlich erklärt, digital unterstützt und erlebbar sinnvoll ist, wird sie funktionieren.
4. Digitale Front Door & 116 117: Zugang neu denken
Ein wiederkehrendes Motiv der Diskussion ist die sogenannte „Digitale Front Door“ – also ein strukturierter, digitaler Erstzugang zum Gesundheitssystem.
Dabei geht es nicht um eine Plattform, sondern um:
- mehrere Eingangskanäle
- gemeinsame Backends
- interoperable Termin- und Steuerungssysteme
Die 116 117 ist ein wichtiger Baustein – aber nicht der einzige.
Digitale Praxis-Apps, Patientenportale, KI-gestützte Ersteinschätzung und asynchrone Kommunikation müssen zusammenspielen, statt nebeneinander zu existieren.
5. Asynchrone Kommunikation & KI: Der unterschätzte Hebel
Ein klarer Konsens der Runde:
Die Zukunft der Entlastung liegt nicht primär in mehr Videosprechstunden, sondern in asynchroner Kommunikation.
Beispiele:
- strukturierte Chats
- digitale Anamnesen
- KI-gestützte Vortriage
- automatisierte Informationsprozesse
Diese Ansätze sparen Zeit, reduzieren unnötige Kontakte und schaffen Raum für ärztliche Kernaufgaben – wenn die Vergütung mitzieht.
6. Vergütung: Der größte Bremsklotz – und Hebel zugleich
Fast alle Reformen laufen ins Leere, wenn das Vergütungssystem unverändert bleibt.
Aktuell gilt:
- Präsenz schlägt Qualität
- Karte im Lesegerät schlägt digitale Betreuung
- Innovation wird häufig schlechter vergütet als Status quo
Die Folge: geringe Veränderungsbereitschaft – selbst bei vorhandener Technologie.
Ein zukunftsfähiges System muss Qualität, Koordination und digitale Versorgung gleichwertig honorieren.
7. Mehr Schultern, mehr Verantwortung
Ein zentrales Fazit der Diskussion:
Die Versorgung der Zukunft kann nicht allein ärztlich organisiert werden.
Apotheken, Pflegekräfte, medizinische Fachangestellte, digitale Lotsen und neue Rollenmodelle werden eine entscheidende Rolle spielen – nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung.
Das erfordert:
- Vertrauen
- klare Aufgabenverteilung
- neue Berufsprofile
- und vor allem Zusammenarbeit statt Besitzstandswahrung
8. Thesen für 2026 – ein gemeinsamer Ausblick
Zum Abschluss formulieren die Gäste klare Erwartungen:
- 2026 wird kein Jahr schneller Lösungen
- aber ein Jahr entscheidender Weichenstellungen
- Digitalisierung wird stärker versorgungsorientiert
- Steuerung wird kommen – mit oder ohne Akzeptanz
- Vergütung entscheidet über Tempo und Erfolg
Fazit: Erkenntnis war gestern – Umsetzung ist jetzt
Die Diskussion zeigt deutlich:
Das deutsche Gesundheitswesen leidet nicht an fehlendem Wissen, sondern an fehlender Konsequenz.
Technologie ist vorhanden. Konzepte sind entwickelt. Pilotprojekte existieren.
Was fehlt, ist der gemeinsame Wille, Ego-Grenzen zu überwinden und Verantwortung neu zu verteilen.
2026 wird kein leichtes Jahr – aber ein entscheidendes.
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