„Für die Videosprechstunde musste ich meine Komfortzone verlassen“

Im Januar konnte arztkonsultation.de die millionste Videosprechstunde seit dem Beginn der Pandemie verzeichnen. Stellvertretend für alle Anwender:innen durfte Maria Berger einen Dankesgruß entgegennehmen. Im Interview erklärt die Psychotherapeutin aus Leipzig, wie die Videosprechstunde bei ihr zum Einsatz kommt und was sei dabei lernen konnte.

Frau Berger, wie haben Sie mit der Videosprechstunde begonnen?

Seit ungefähr August 2021 biete ich die Videosprechstunde an. Angefangen habe ich wegen des Gefühls, dass ich meinen Klient:innen mit reinen Telefongesprächen nicht gerecht werden kann – insbesondere denjenigen, die durch Lockdowns und Quarantäne eine starke Belastung verspürt haben. Viele waren in der Pandemie einfach zu ängstlich für den Weg in die Praxis, andere konnten wegen Corona-Symptomen nicht kommen. Die Videosprechstunde war dann das Mittel der Wahl. Alle Termine konnte die Videosprechstunde aber nicht auffangen – einige Patient:innen wollten ihre Termine lieber aufschieben.

War die Videosprechstunde für Sie eine Umstellung?

Ein natürliches Gespräch gab es in der Videosprechstunde von Anfang an, aber ich musste erst lernen, wie daraus auch ein gutes Therapiegespräch wird. Ich habe gemerkt, ich muss mich etwas anders vorbereiten. Zum Teil ist es hilfreich, Patient:innen im Vorfeld etwas zuzuschicken. Ich habe mir auch ein Tablet eingerichtet, mit dem ich nebenbei Notizen aufschreiben kann, die ich später mit meinen Patient:innen teile. Das funktioniert vor Ort in der Praxis natürlich anders.

Wie setzen Sie die Videosprechstunde heute ein?

Anfangs waren es eher Kriseninterventionen, also sehr dringende Fälle. Jetzt halte ich ungefähr drei Sitzungen pro Woche regulär per Video ab. Die Videosprechstunde ist für meine Klient:innen und mich mit der Zeit immer normaler geworden. Bei einigen habe ich sogar den Eindruck, dass sie sich im Video wohler fühlen. Das ist bei manchen vielleicht auch eine Generationensache.

Was ist für Sie der Hauptgrund, für den Sie die Videosprechstunde anbieten?

In der Pandemie ging es mir darum, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Manche Fälle hätten sich ohne diese Option verlaufen. Jetzt geht es vor allem um ein niedrigschwelliges Angebot. Mit der Videosprechstunde kann ich Vermeidungsverhalten reduzieren und Abbrüche verhindern.

Welche Zukunft hat die Videosprechstunde „nach Corona“?

Die Anwendungsfälle verschieben sich etwas, aber es gibt weiter viele Situationen, in denen die Videosprechstunde sehr sinnvoll bleibt. Eine Akutbehandlung, etwa bei Panikattacken, kann ich per Video viel schneller gewährleisten. Es gibt aber auch praktische Gründe. Ohne die Wegstrecke ist vielleicht auch mal eine Sitzung möglich, bevor meine Patient:innen zur Arbeit gehen. Man gewinnt einfach an Flexibilität. Beispielsweise hatte ich eine Klientin, mit der ich während einer Krise täglich ganz kurze Gespräche per Video führen konnte. Ein so intensiver Beziehungsaufbau wäre ohne Video nicht denkbar. Ich werde die Videosprechstunde deshalb dauerhaft anbieten – wie intensiv hängt aber auch von der Regulierung ab.

Was raten Sie Praxen, die noch nicht sicher sind, ob die Videosprechstunde für sie in Frage kommt?

Die Videosprechstunde ist kein Allheilmittel, aber für verschiedene Situationen eine sinnvolle Lösung – auch wenn sie eine Umstellung bedeutet. Für die Videosprechstunde musste ich meine Komfortzone verlassen. Leichter fällt das bei Patient:innen, die selbst offen für die Videosprechstunde sind, und wenn die Technik stimmt. Gutes Equipment, also eine stabile Internetverbindung, scharfe Kamera etc. schafft die Rahmenbedingungen, die es für eine erfolgreiche Videosprechstunde braucht. Dann ist es immer noch eine Sache, die man sich aneignen muss. Aber das kann sehr gut funktionieren. Einige meiner Kolleg:innen berichten, dass sie mittlerweile gar keinen Unterschied mehr merken, wenn Sie per Videosprechstunde mit ihren Patient:innen sprechen.

15. März 2022

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