
AAT #21 - Alexander R. Baasner
Wenn Innovation im Gesundheitswesen wirklich funktionieren soll, müssen wir ehrlich sein
Was DIHVA über die Zukunft der hausärztlichen Versorgung verrät
Innovation im deutschen Gesundheitswesen wird gerne gefeiert – zumindest auf Konferenzen, in Förderanträgen und auf PowerPoint-Folien.
Die Realität in der Versorgung sieht oft anders aus: Landarztmangel, überlastete Praxen, lange Wartezeiten und ein System, das für neue Versorgungsmodelle nur begrenzt offen ist.
In All About Telemedizin – Folge 21 sprechen wir deshalb bewusst nicht über Visionen, sondern über Praxis.
Zu Gast ist Alexander R. Baasner, Mitgründer von DIHVA – und jemand, der Innovation aus der Versorgung heraus denkt.
Das Gespräch zeigt eindrücklich:
👉 Telemedizin funktioniert.
👉 Aber nur, wenn wir bereit sind, Strukturen, Rollen und Denkweisen zu hinterfragen.
Innovation entsteht nicht im Pitch – sondern im Versorgungsalltag
DIHVA ist kein klassisches Startup, das mit einem Geschäftsmodell begonnen hat.
Der Ursprung war deutlich pragmatischer: ein reales Versorgungsproblem.
In ländlichen Regionen Nordrhein-Westfalens verschwanden immer mehr Hausarztpraxen. Patient:innen standen ohne verlässliche medizinische Anlaufstellen da – mit der Folge, dass sie in Notaufnahmen oder in ohnehin überlasteten Strukturen landeten.
Die zentrale Frage lautete daher nicht:
Wie bauen wir ein skalierbares Produkt?
Sondern:
Wie stellen wir Versorgung sicher, wenn es keine Ärzt:innen mehr gibt?
Die Antwort darauf war DIHVA – die Digitale Hausärztliche Versorgungsassistenz.
DIHVA ist kein Produkt. DIHVA ist ein Versorgungsmodell.
Ein zentrales Learning aus der Folge:
Wer Telemedizin auf ein einzelnes Tool reduziert, greift zu kurz.
DIHVA steht für ein ganzheitliches Versorgungsmodell, bestehend aus:
- einer neuen, speziell ausgebildeten Rolle
- digitaler, standardisierter Diagnostik
- asynchroner ärztlicher Befundung
- telemedizinischer Arzt-Patienten-Kommunikation
- klaren Prozessen zur Versorgungssteuerung
Die bekannte „Technikfrage“ tritt dabei bewusst in den Hintergrund.
Entscheidend ist nicht das einzelne Gerät – sondern wie Diagnostik, Menschen und Prozesse zusammenspielen.
Asynchrone Telemedizin als Schlüssel zur Skalierung
Ein wiederkehrendes Thema der Folge ist die Asynchronität.
Im heutigen System ist medizinische Versorgung fast ausschließlich synchron organisiert:
Patient:in und Ärzt:in müssen gleichzeitig verfügbar sein. Das skaliert schlecht – insbesondere bei Fachkräftemangel.
Das DIHVA-Modell durchbricht diese Logik:
- Diagnostische Daten werden strukturiert erhoben
- KI-gestützt vorbewertet
- ärztlich geprüft, wann immer Zeit dafür ist
- anschließend gezielt über Telefon oder Videosprechstunde zurückgespielt
Das Ergebnis:
- weniger unnötige Praxisbesuche
- bessere Priorisierung medizinischer Dringlichkeit
- effizientere Nutzung ärztlicher Zeit
Asynchrone Telemedizin ist damit kein „Nice-to-have“, sondern ein notwendiger Effizienzhebel für die Zukunft der Versorgung.
Delegierbare Leistungen: Das ungelöste Kernproblem
Besonders deutlich wird die strukturelle Schieflage beim Thema delegierbare Leistungen.
In der Praxis übernehmen medizinische Fachangestellte längst Aufgaben wie:
- Blutabnahmen
- Diagnostische Vorarbeiten
- Patientenvorbereitung
Rechtlich wird jedoch weiterhin an einem stark arztzentrierten System festgehalten – oft mit widersprüchlichen Regelungen.
Ein Beispiel aus der Folge:
Gerichtsurteile schränken delegierte Blutabnahmen ein, während gleichzeitig autonome medizinische Geräte zugelassen werden.
Das Ergebnis:
- Innovationsmodelle geraten in rechtliche Unsicherheit
- bewährte Prozesse werden ausgebremst
- Versorgung wird komplizierter statt einfacher
Die klare Botschaft aus dem Gespräch:
Ohne Mut zur Delegation wird das System nicht überlebensfähig sein.
Finanzierung: Warum viele gute Ideen scheitern
Ein weiterer Realitätscheck betrifft die Finanzierung von Innovation.
Viele Digital-Health-Lösungen scheitern nicht am Nutzen – sondern an der Vergütungslogik.
Die Regelversorgung bildet neue Versorgungsformen nur langsam ab, Investitionen lohnen sich für Leistungserbringer oft nicht.
DIHVA geht deshalb bewusst einen anderen Weg:
- keine klassischen Venture-Capital-Investoren
- Fokus auf medizinischen Nutzen statt Wachstum um jeden Preis
- Umsetzung über Selektivverträge (§140a SGB V)
- enge Zusammenarbeit mit Krankenkassen, u. a. der Techniker Krankenkasse
Selektivverträge werden so zum Experimentierraum für Innovation, bevor diese in die Regelversorgung überführt werden können.
Fuck-ups gehören dazu – und sind Teil des Lernprozesses
Besonders wertvoll an Folge 21 ist die Offenheit, mit der auch über Fehlannahmen und Rückschläge gesprochen wird:
- regulatorische Überraschungen
- rechtliche Grauzonen
- falsche Erwartungen an Marktgeschwindigkeit
- langwierige Abstimmungsprozesse
Die wichtigste Erkenntnis:
Innovation im Gesundheitswesen ist kein Sprint – sondern ein Ausdauerlauf.
Wer hier erfolgreich sein will, braucht:
- Durchhaltevermögen
- Anpassungsfähigkeit
- Nähe zur realen Versorgung
- und den Mut, unbequeme Fragen zu stellen
Was wir aus Folge 20 mitnehmen sollten
Die Diskussion mit Alexander R. Baasner macht eines sehr klar:
- Telemedizin ist kein Add-on, sondern Teil der Lösung
- Asynchrone Versorgung ist ein entscheidender Skalierungsfaktor
- Neue Rollen und Delegation sind unvermeidlich
- Innovation braucht Schutzräume wie Selektivverträge
- Ehrlichkeit ist wichtiger als Hochglanzkommunikation
Oder anders gesagt:
Die Zukunft der Versorgung entsteht nicht im Labor, sondern dort, wo Menschen heute versorgt werden müssen.
👉 Jetzt reinhören:
All About Telemedizin – Folge 21
🎧 Überall, wo es Podcasts gibt