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AAT #22 - Dr. Ina Lucas

März 24, 2026
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Jan

Apotheke neu denken: Warum Vor-Ort-Apotheken ein zentraler Baustein der Versorgung von morgen sind

Wenn über die Zukunft der Gesundheitsversorgung gesprochen wird, fallen meist zuerst Begriffe wie Hausärztemangel, digitale Patientensteuerung, Telemedizin oder sektorenübergreifende Versorgung. Ein Akteur bleibt dabei jedoch oft unterrepräsentiert: die Vor-Ort-Apotheke. Dabei ist sie schon heute für viele Menschen der niedrigschwelligste Zugang zum Gesundheitssystem – erreichbar, vertraut, lokal verankert und mit hoher pharmazeutischer Kompetenz. Genau darum geht es in Folge 22 von All about Telemedizin.

Im Gespräch mit Ina Lukas, Apothekerin, Präsidentin der Berliner Apothekerkammer und Vizepräsidentin der ABDA, diskutiert Jan Zeggel, welche Rolle Apotheken heute bereits spielen, warum sie in der gesundheitspolitischen Debatte häufig unterschätzt werden und weshalb sie künftig noch viel stärker als Teil moderner, hybrider Patientenpfade verstanden werden sollten. 

Die Apotheke ist mehr als ein Ort zur Medikamentenabgabe

Ein zentrales Motiv der Folge ist die Frage, welche Funktion die Apotheke im Versorgungssystem eigentlich erfüllen kann – und erfüllen sollte. Ina Lukas macht deutlich: Wenn wir das Gesundheitssystem der Zukunft ernsthaft neu denken, müssen wir auch beantworten, wer Versorgung in einem System mit knappen Ressourcen tatsächlich leisten kann. Denn der Druck steigt auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Fachkräftemangel, demografischer Wandel, steigender Versorgungsbedarf und ökonomische Belastungen machen deutlich, dass die Versorgung künftig anders organisiert werden muss. 

Genau hier kommen Apotheken ins Spiel. Sie verfügen noch immer über eine flächendeckende Struktur, sind im Alltag der Menschen präsent und häufig deutlich leichter erreichbar als andere Leistungserbringer. Ina Lukas beschreibt Apotheken deshalb nicht nur als Ausgabestellen für Arzneimittel, sondern als potenzielle Gesundheitszentren vor Ort, die Versorgung, Beratung, Prävention und Orientierung in einem zunehmend komplexen System leisten können. 

Warum die Apotheke in der Primärversorgung viel stärker mitgedacht werden muss

Aus Sicht von Jan Zeggel wird die Apotheke in Diskussionen über Primärversorgung bislang deutlich zu selten berücksichtigt. Das ist bemerkenswert, denn gerade dort, wo Hausarztpraxen dünner werden, Facharzttermine schwer zu bekommen sind und Versorgungslücken entstehen, ist die Apotheke oft noch unmittelbar verfügbar. Ina Lukas unterstreicht, dass diese Struktur nicht nur erhalten, sondern aktiv in neue Versorgungskonzepte eingebunden werden sollte. Noch gibt es laut ihrer Einordnung rund 16.600 Apotheken in der Fläche – eine Infrastruktur, die gesundheitspolitisch strategisch relevant ist. 

Dabei geht es nicht darum, ärztliche Versorgung zu ersetzen. Es geht vielmehr darum, Versorgung intelligent zu ergänzen. Apotheken können Menschen frühzeitig auffangen, Arzneimitteltherapien begleiten, Therapiekompetenz stärken und bei Prävention, Adhärenz und Verlaufskontrolle unterstützen. Gerade in einem hybriden Versorgungssystem, das digitale und physische Kontaktpunkte sinnvoll verbindet, könnte die Apotheke eine Schlüsselrolle als Lotsin übernehmen. 

Die Versorgungskrise ist real – und sie trifft auch die Apotheken

Ein weiterer zentraler Punkt der Episode ist die wirtschaftliche Lage der Vor-Ort-Apotheken. Ina Lukas schildert sehr deutlich, dass die Zahl der Apotheken in Deutschland seit Jahren rapide sinkt. In der Spitze seien rund 500 Apotheken pro Jahr weggefallen. Gleichzeitig sei das Apothekenhonorar faktisch seit rund 20 Jahren eingefroren, während Betriebs- und Personalkosten massiv gestiegen seien. 

Diese Entwicklung ist nicht nur ein Problem für die Apotheken selbst. Sie ist vor allem ein Versorgungsproblem. Denn wenn Vor-Ort-Strukturen wegfallen, verlieren Patientinnen und Patienten einen wichtigen, leicht zugänglichen Anlaufpunkt. Besonders in ländlichen Regionen oder in Gebieten mit ausgedünnter ärztlicher Versorgung kann das erhebliche Folgen haben. Die Apotheke ist eben nicht nur tagsüber präsent: Durch Notdienste bleibt pharmazeutische Versorgung auch nachts und am Wochenende erreichbar. Diese Verlässlichkeit ist ein Wert, der in gesundheitspolitischen Debatten oft zu wenig Beachtung findet. 

Standardversorgung plus Spezialisierung: Wie die Apotheke der Zukunft aussehen kann

Besonders spannend ist die inhaltliche Differenzierung, die Ina Lukas im Gespräch vornimmt. Sie plädiert dafür, bei Apotheken zwischen einem Standardrepertoire und einem individuellen Leistungsspektrum zu unterscheiden. Zum Standard gehört klar die sichere Versorgung mit Arzneimitteln. Rund um dieses Kernelement gruppieren sich weitere Aufgaben wie Therapiekompetenz, Adhärenz, Compliance sowie präventive Leistungen. 

Darüber hinaus können Apotheken je nach regionalem Versorgungskontext eigene Schwerpunkte aufbauen. Das kann ein Fokus auf Frauengesundheit sein, auf Screenings, auf Monitoring-Angebote oder eben auf assistierte Telemedizin. Entscheidend ist dabei, dass solche Leistungen nicht isoliert gedacht werden, sondern in konkrete Patientenpfade eingebettet sind. Die Apotheke der Zukunft wäre damit kein starrer Versorgungspunkt, sondern ein flexibler Teil regionaler Versorgungsnetzwerke. 

Assistierte Telemedizin: Große Chance, aber noch ohne klare Umsetzung

Ein besonders relevanter Teil des Gesprächs dreht sich um assistierte Telemedizin in Apotheken. Jan Zeggel verweist darauf, dass dieses Modell bereits 2024 im Digitalgesetz angelegt wurde, es aber bis heute keine saubere rechtliche Grundlage für eine breite Umsetzung in Apotheken gibt. Aus Versorgungssicht erscheint der Nutzen offensichtlich: Wenn Apotheken als lokal verankerte, leicht zugängliche Orte telemedizinische Leistungen unterstützen können, entstehen neue Zugänge für Patientinnen und Patienten – gerade dort, wo ärztliche Ressourcen knapp sind. 

Die Diskussion zeigt jedoch auch, dass politische Verankerung allein nicht reicht. Für die Praxis braucht es klare Regelungen, belastbare Prozesse und eine sinnvolle Einbettung in bestehende Versorgungsstrukturen. Genau daran hakt es aktuell noch. Dabei liegt der Mehrwert auf der Hand: Apotheken könnten an vielen Stellen als Brücke zwischen analoger Nähe und digitaler Versorgung wirken.

Telepharmazie: Warum das Thema so relevant und gleichzeitig so sensibel ist

Ein weiterer Schwerpunkt der Folge ist die Telepharmazie. Jan Zeggel formuliert hier sehr pointiert seine Verwunderung darüber, dass das Thema in der Apothekenreform zwischenzeitlich wieder aus Entwürfen gestrichen wurde – obwohl die digitale Verfügbarkeit pharmazeutischer Kompetenz aus seiner Sicht eigentlich ein logischer und notwendiger Schritt wäre. 

Ina Lukas widerspricht dieser Grundidee nicht. Im Gegenteil: Sie betont ausdrücklich, dass pharmazeutische Beratungsleistungen auch digital verfügbar gemacht werden müssen – idealerweise durch Apotheken selbst und nicht durch rein plattformbasierte Modelle ohne lokale Verankerung. Gleichzeitig macht sie aber deutlich, warum das Thema innerhalb des Berufsstands so kontrovers ist: Telepharmazie kann ein Instrument zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheke sein, sie kann aber auch von rein digitalen oder versandorientierten Anbietern genutzt werden, um stationäre Strukturen weiter unter Druck zu setzen. 

Genau darin liegt die strategische Herausforderung. Es reicht nicht, Telepharmazie abstrakt zu fordern. Es braucht ein Modell, das digitale Beratung so ausgestaltet, dass die Vor-Ort-Apotheke tatsächlich profitiert und nicht weiter geschwächt wird. Die Folge macht damit sehr klar: Die Frage ist nicht, ob pharmazeutische Kompetenz digital verfügbar sein sollte, sondern wie diese digitale Verfügbarkeit organisiert wird. 

Das Vergütungssystem bremst Innovation

Besonders deutlich wird im Gespräch auch, dass wirtschaftliche und strukturelle Fragen unmittelbar mit Innovation zusammenhängen. Ina Lukas beschreibt, dass das aktuelle System stark über Mischkalkulation funktioniert: einfache Fälle und komplexe Fälle werden nicht differenziert vergütet, obwohl der tatsächliche Betreuungsaufwand massiv variiert. Während digitale Anbieter vor allem die einfacheren, standardisierbaren Fälle bedienen können, bleibt die Vor-Ort-Apotheke oft mit den komplexen Fällen zurück – also mit Patientinnen und Patienten, bei denen Mehrfachmedikation, Interaktionen oder intensive Betreuung eine Rolle spielen. 

Das Problem: Gerade diese höhere Komplexität bildet sich nicht angemessen in der Vergütung ab. Damit wird das System innovationsfeindlich. Denn wer investieren, neue Leistungen aufbauen oder digitale Angebote integrieren will, braucht dafür auch einen ökonomisch tragfähigen Rahmen. Jan Zeggel bringt es im Gespräch auf den Punkt, wenn er das aktuelle Vergütungssystem als möglichen größten Bremsklotz für Innovationen beschreibt. 

Digitale Infrastruktur: ePA, Datenaustausch und echte Zusammenarbeit

Neben der ökonomischen Perspektive geht es in der Folge auch um die infrastrukturellen Voraussetzungen moderner Versorgung. Ina Lukas beschreibt die elektronische Patientenakte (ePA) als zentrales Instrument, wenn Versorgung neu organisiert werden soll. Denn bessere Versorgung entsteht nicht allein durch neue Rollen oder zusätzliche Angebote, sondern auch durch besseren Informationsfluss. Wenn Apotheken, Ärztinnen und Ärzte sowie weitere Akteure strukturiert auf relevante Informationen zugreifen und miteinander kommunizieren können, lassen sich Prozesse beschleunigen, Brüche reduzieren und Patientenpfade sinnvoller gestalten. 

Gerade für hybride Versorgungsmodelle ist das essenziell. Denn digitale Versorgung darf nicht bedeuten, lediglich analoge Prozesse auf einen Bildschirm zu verlagern. Ihr Potenzial entfaltet sie erst dann, wenn sie echte Zusammenarbeit ermöglicht – in Echtzeit, mit strukturierter Information und entlang eines gemeinsamen Verständnisses von Versorgung.

Die Apotheke als Baustein funktionierender Patientenpfade

Aus Perspektive von arztkonsultation ist genau das einer der spannendsten Aspekte dieser Folge: Die Apotheke lässt sich nicht nur als einzelner Versorgungsort betrachten, sondern als aktiver Bestandteil funktionierender Patientenpfade. Dort, wo medizinische, pharmazeutische und digitale Leistungen ineinandergreifen, entsteht echter Mehrwert für Patientinnen und Patienten.

Die Aussagen von Ina Lukas zeigen, wie viel Potenzial in diesem Gedanken steckt. Wenn Apotheken lokal eingebunden sind, mit Ärztinnen und Ärzten zusammenarbeiten, digitale Werkzeuge nutzen und ihre pharmazeutische Kompetenz situativ auch digital verfügbar machen können, entsteht ein Modell, das Versorgung nicht nur effizienter, sondern auch alltagsnäher macht. Die Apotheke wird dann zur Schnittstelle zwischen Zugang, Orientierung, Begleitung und Versorgung.

Fazit: Ohne Apotheken lässt sich Versorgung der Zukunft nicht sinnvoll bauen

Folge 22 von All about Telemedizin macht eines sehr deutlich: Wer über die Zukunft der Versorgung spricht, muss Apotheken mitdenken. Nicht als Randakteur, sondern als tragenden Bestandteil einer modernen Gesundheitsinfrastruktur. Vor-Ort-Apotheken verbinden Erreichbarkeit, Vertrauen, Fachkompetenz und lokale Präsenz. Genau diese Kombination macht sie in einem überlasteten System so wertvoll.

Gleichzeitig zeigt die Episode, dass dieses Potenzial nicht automatisch gehoben wird. Dafür braucht es bessere Rahmenbedingungen, ein innovationsfreundlicheres Vergütungssystem, rechtliche Klarheit für neue Modelle wie assistierte Telemedizin und eine digitale Infrastruktur, die sektorübergreifende Zusammenarbeit tatsächlich ermöglicht.

Die gute Nachricht ist: Die Bausteine sind erkennbar. Die Apotheke der Zukunft ist bereits in Umrissen sichtbar – als Gesundheitskompetenzzentrum, als lokaler Anker, als digital anschlussfähiger Versorgungsakteur und als wichtiger Teil hybrider Patientenpfade. Jetzt kommt es darauf an, diese Rolle nicht nur zu beschreiben, sondern sie auch konsequent zu ermöglichen.

Jan Zeggel auf Arztkonsultation.de
Jan Zeggel
LinkedIn Profil von Jan Zeggel

Jan Zeggel ist geschäftsführender Gesellschafter der arztkonsultation ak GmbH. In dieser Rolle verantwortet er die Etablierung des Familienunternehmens als führender Software-Anbieter für die Telemedizin. Zudem ist er Initiator und Mitgründer der Open Healthcare Alliance (OHA) und begleitet ehrenamtlich Startups in der Gründungs- sowie Aufbauphase. Zuvor war Jan Zeggel als Geschäftsführer und Advisor für Beratungs- sowie Software-Unternehmen tätig.

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