
AAT #24 Assistierte Telemedizin in Apotheken
Warum ab Juli ein neues Versorgungskapitel beginnt
Drei Jahre nach der gesetzlichen Verankerung wird es jetzt ernst: Ab dem 1. Juli erhalten Apotheken eine Vergütung für die assistierte Telemedizin. Damit können Patientinnen und Patienten künftig direkt aus der Apotheke heraus eine Videosprechstunde mit einer Ärztin oder einem Arzt führen – assistiert durch das pharmazeutische Personal vor Ort. Was lange als regulatorische Hängepartie galt, wird zur konkreten Versorgungsoption.
In Folge 24 von All about Telemedizin ordnen Jan Zeggel (arztkonsultation) und Hausarzt Stefan Spieren ein, was das für Praxen, Apotheken und die Versorgungslandschaft bedeutet – und warum dieses Mal vieles anders läuft als beim Streit ums Impfen in der Apotheke.
Alle Hintergründe, Details zum Versorgungspfad und das Lösungsangebot von arztkonsultation findest du auf unserer Themenseite: Assistierte Telemedizin in Apotheken
Der ausgebliebene Aufschrei
Wer in den vergangenen Jahren die Debatten zwischen Ärzteschaft und Apothekerschaft verfolgt hat, wird sich wundern: Der erwartete Sturm der Entrüstung blieb aus. Das Ärzteblatt rief sogar dazu auf, dass niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aktiv auf Apotheken zugehen sollen, um gemeinsam Versorgungsmodelle zu organisieren.
Stefan Spieren bringt es im Podcast auf den Punkt: "Mir nimmt der Apotheker keinen Patienten weg im Rahmen der Videosprechstunde. Vielleicht bringt er mir eher Patientinnen und Patienten." Die Parallele zum Impfen liegt nahe – auch dort war die Befürchtung groß, am Ende profitierten alle: Patientinnen und Patienten, Apotheken und Praxen.
Die Botschaft: Wer jetzt erneut Lagerkämpfe ausficht, verliert Zeit und Energie für die wirklich anstehende Aufgabe – nämlich Versorgung gemeinsam zu denken.
Worum es bei der assistierten Telemedizin wirklich geht
Die assistierte Telemedizin in der Apotheke ist kein Ersatz für die Hausarztpraxis – und sie soll auch nicht der "rote Knopf" sein, über den jeder beliebige Patient irgendeinen beliebigen Arzt zugeschaltet bekommt. Der vorgesehene Versorgungspfad ist sehr viel differenzierter:
- Bei unbekannten Patientinnen und Patienten muss ein strukturiertes Ersteinschätzungsverfahren vorgeschaltet werden – digital triagiert, software-gestützt.
- Erst wenn die Triage einen telemedizinisch behandelbaren Fall mit ärztlichem Versorgungsbedarf erkennt, kommt es zur Videosprechstunde.
- Das pharmazeutische Personal assistiert: bei der Bedienung, beim Erheben von Vitalparametern (Blutdruck, Puls, ggf. Blutzucker), beim Übermitteln von Stammdaten.
Was damit in der Versorgung möglich wird:
- Der Samstagnachmittag-Patient, dem die Tabletten ausgegangen sind, landet nicht in der Notaufnahme.
- Die Bindehautentzündung wird wohnortnah versorgt, statt am Bereitschaftsdienst zu warten.
- Die Apotheke als Lotse kann steuern, ohne selbst diagnostizieren zu müssen.
Wer gehört hin – und wer nicht
Stefan Spieren ist im Podcast deutlich: Chronisch Erkrankte gehören weiterhin in die hausärztliche Versorgung. Polymedikation, Multimorbidität, Stammakte, kontinuierliche Begleitung – das ist und bleibt das Kerngeschäft der Hausarztpraxis.
Auch der schwer erkrankte Patient mit hypertensivem Notfall hat in der Telekabine der Apotheke nichts verloren – und kein Apotheker würde diesen Fall annehmen wollen.
Die assistierte Telemedizin spielt ihre Stärke in einem klar umrissenen Segment aus:
- Akute, eingrenzbare Beschwerden, die videobasiert beurteilbar sind
- Folgerezepte und akute Medikationsfragen
- Zeitfenster, in denen die Hausarztpraxis geschlossen ist – samstags, abends, an Feiertagen
- Niedrigschwellige Versorgung in ländlichen Räumen, wo nicht in jedem Ort eine Praxis sitzt
Die ePA als stiller Game-Changer
Ein in der Öffentlichkeit unterschätzter Aspekt: Apotheken sollen perspektivisch erweiterten Zugriff auf die elektronische Patientenakte (ePA) erhalten – inklusive Schreibrechten, etwa rund um den elektronischen Medikationsplan.
Damit ergibt sich die Chance, pharmazeutische Expertise und ärztliche Behandlung quasi zeitgleich zu verzahnen – ein Riesenhebel gerade bei Polymedikation. Was heute oft über Telefon, Fax oder gar nicht stattfindet, könnte zur strukturierten Echtzeit-Kollaboration werden.
Patientensteuerung statt angebotsinduzierter Nachfrage
Ein berechtigter Einwand: Wer Angebot schafft, schafft Nachfrage. Die Hausarztpraxen kennen das Phänomen aus eigener Erfahrung – je besser die Erreichbarkeit, desto mehr Anfragen.
Der Schlüssel liegt in der mehrstufigen Kanalisierung:
- Digitale Triage als Gatekeeper am Eingang.
- Apotheke als Filter: Vorparametrisierung statt "Voruntersuchung", strukturierte Datenübergabe.
- Telemedizinische Konsultation nur dort, wo sie Mehrwert bringt.
- Verbindung zu integrierten Notfallzentren und der digitalen 116 117 für die Fälle, die mehr brauchen.
In dieses Konzept passt auch die langjährige Forderung, die im Podcast erneut diskutiert wird: Ein bundesweites Telemedizinzentrum statt 17 KV-Insellösungen. Regionalität bei Telemedizin – so Jan Zeggel – ergibt schlicht keinen Sinn.
Grenzen der Videosprechstunde? "Ich bin bei alles."
Auf die Frage nach dem behandelbaren Fallspektrum antwortet Stefan Spieren bemerkenswert klar: "Ich bin bei alles." Das ist provokant gemeint und doch ernst – denn das, was Ärztinnen und Ärzte im Studium zuerst lernen, ist das Patientengespräch: zuhören, fragen, Anamnese erheben, Blickdiagnose. Erst der Klinikalltag entfremdet viele wieder von dieser Grundkompetenz.
Klar gibt es Fälle, bei denen der körperliche Kontakt notwendig ist. In Stefan Spierens Praxisalltag sind das zwei bis drei Fälle im Monat, in denen er aus der Videosprechstunde heraus zur Vor-Ort-Konsultation einbestellen muss. Der Rest? Sehr gut digital steuerbar.
Was als nächstes kommt: Vitaldaten aus der Distanz
Bei arztkonsultation arbeiten wir bereits an der nächsten Ausbaustufe. Bis Jahresende sollen in unsere Videosprechstunde – konkret ins digitale Wartezimmer – Lösungen integriert sein, die Vitalparameter kontaktlos per Video und Stimme erheben:
- Puls
- Blutdruck (mit Manschettenqualität, als Medizinprodukt zugelassen)
- weitere relevante Biomarker
Das verschiebt den Möglichkeitsraum noch einmal: Erhebung von Versorgungsdaten kann ins Wohnzimmer der Patientin oder des Patienten wandern. Apotheke, Praxis und Klinik bleiben Anlaufpunkte – sind aber nicht mehr die einzigen Orte, an denen Diagnostik beginnt.
E-Rezept und Abrechnung: Was Telemedizin-Praxen wissen sollten
Eine häufige Frage aus dem Live-Publikum: Wie funktioniert eigentlich die Abrechnung bei Telekonsultation außerhalb der Stammpraxis?
Die kurze Antwort:
- Videosprechstunden sind heute regulär abrechenbar – inklusive E-Rezept-Ausstellung.
- Notwendig sind: Vorname, Nachname, Geburtsdatum, Adresse, Krankenkassennummer und Versichertennummer.
- Die Eingabe ins Praxisverwaltungssystem dauert 15–20 Sekunden – funktional, aber unkomfortabel.
- Das von der Gematik entwickelte PoP-Verfahren soll diesen Schritt vereinfachen – allerdings bringt es eigene technische Anforderungen mit (spezifische App, NFC-fähiges Endgerät, NFC-fähige Gesundheitskarte, mehrstufige Authentifizierung).
Hier zeigt sich ein Muster, das die digitalen Versorgungsangebote insgesamt ausbremst: Mehrwert entscheidet über Adoption. Solange Patientinnen und Patienten – und auch die Heilberufe selbst – mehr Reibung als Nutzen erleben, bleibt das Potenzial liegen.
Der Nordstern: Customer Experience auf Amazon-Niveau
Eine im Podcast wiederkehrende Referenz: Amazon. Nicht als Unternehmen, sondern als Maßstab für Customer Experience. Niemand musste den Menschen erklären, wie man Amazon nutzt – die Einfachheit war das Verkaufsargument.
Übertragen auf die digitale Gesundheitsversorgung heißt das: Eine Videosprechstunde, ein Ersteinschätzungs-Tool, eine Gesundheits-App muss so einfach sein, dass sie sich selbst erklärt. Erst dann wird aus einer guten Idee ein gelebter Versorgungsalltag.
Und die Erfahrung aus den Hausarztpraxen zeigt: Der oft zitierte Anteil von 20–25 % der Bevölkerung, der "nicht digital" ist, schrumpft schneller als gedacht – wenn Angebote richtig erklärt werden und einen Mehrwert bieten.
Was Apotheken jetzt tun sollten
Wer als Apotheke ab dem 1. Juli am Versorgungspfad teilnehmen möchte, braucht ein paar Bausteine:
- Eine zertifizierte Videosprechstunden-Lösung im Apothekenbetrieb.
- Einen oder mehrere ärztliche Kooperationspartner – idealerweise lokal, ergänzt durch einen telemedizinischen Bereitschaftsdienst für Randzeiten.
- Ein strukturiertes Ersteinschätzungsverfahren für unbekannte Patientinnen und Patienten.
- Räumliche und organisatorische Voraussetzungen für die Beratung.
Bei arztkonsultation beschäftigen wir uns seit drei Jahren mit genau diesem Versorgungspfad – und haben die Erfahrung gemacht: Die Offenheit auf Apothekenseite ist groß. Viele Apotheken müssen heute Patientinnen und Patienten wegschicken, die ein verschreibungspflichtiges Medikament bräuchten, aber keinen Arzt erreichen. Genau diese Lücke schließt die assistierte Telemedizin.
Konkrete Informationen, Schritt-für-Schritt-Empfehlungen und das Lösungsangebot für Apotheken findest du auf: arztkonsultation.de/assistierte-telemedizin-in-apotheken
Fazit: Eine seltene Win-Win-Konstellation
Die assistierte Telemedizin in Apotheken ist eines der wenigen Versorgungsthemen, bei dem alle Beteiligten gewinnen können – wenn der Aufschrei ausbleibt und die Beteiligten sich an einen Tisch setzen:
- Patientinnen und Patienten bekommen einen niedrigschwelligen Zugang zur ärztlichen Versorgung – wohnortnah, auch in Randzeiten.
- Apotheken stärken ihre Rolle als Lotsen im Gesundheitssystem und erhalten erstmals eine Vergütungsgrundlage.
- Hausarztpraxen werden entlastet – und können sich auf die Patientinnen und Patienten konzentrieren, bei denen körperliche Untersuchung oder kontinuierliche Begleitung wirklich gebraucht werden.
- Das System insgesamt spart Notaufnahmebesuche, schafft Steuerung und beginnt, die ePA mit echtem Mehrwert zu füllen.
Es liegt jetzt an allen Beteiligten – Ärzteschaft, Apotheken, Technologieanbietern, Kostenträgern und Politik – aus dieser Chance Versorgungsrealität zu machen.
Folge nachhören
Die komplette Folge 24 "Assistierte Telemedizin in Apotheken" mit Jan Zeggel und Stefan Spieren gibt es überall, wo es Podcasts gibt, sowie als Aufzeichnung der Live-Session auf LinkedIn.
Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen – live auf LinkedIn. Fragen, Anregungen und Erfahrungen aus der Praxis gerne in die Kommentare – wir greifen sie in der kommenden Session auf.
Mehr zum Lösungsangebot von arztkonsultation rund um die assistierte Telemedizin in Apotheken: arztkonsultation.de/assistierte-telemedizin-in-apotheken