
AAT #25 KI in der Arztpraxis
Warum aus Entlastung bald bessere Versorgung wird
Künstliche Intelligenz verändert den Praxisalltag schon heute – nicht als Bedrohung für ärztliche Arbeit, sondern als Werkzeug gegen Bürokratie, Fachkräftemangel und ineffiziente Versorgungspfade. In Folge 25 von „All About Telemedizin" diskutieren Jan Zeggel und Stefan Spieren, was real funktioniert, woran es noch hakt und welche Weichen Politik und Selbstverwaltung in den nächsten Jahren stellen müssen.
Wer über KI im Gesundheitswesen spricht, landet schnell beim Horrorszenario: Bald brauche es keine Ärztinnen und Ärzte mehr, alles laufe automatisch. Stefan Spieren, niedergelassener Hausarzt, hält dem direkt zu Beginn der Folge eine nüchterne Einschätzung entgegen. „Irgendeiner muss das ja einordnen" – die ärztliche Bewertung bleibt die hoheitliche Aufgabe. Was KI heute schon leistet, ist etwas anderes, aber für die Versorgung mindestens ebenso relevant: Sie nimmt lästige, repetitive Arbeit ab. Und genau dort entsteht der erste, unmittelbar spürbare Mehrwert.
Dokumentation: der Use Case, der schon angekommen ist
Wenn es eine KI-Anwendung gibt, die in der Breite funktioniert, dann ist es die Dokumentation. Seit rund zwei Jahren entlasten Ambient Scribing – das Mithören und Zusammenfassen von Arzt-Patienten-Gesprächen über ein Mikrofon – sowie das automatische Schreiben und Zusammenfassen von Berichten Spierens Praxisteam spürbar. Entscheidend ist, dass die Technologie nicht beim Arzt stehenbleibt: Auch Medizinische Fachangestellte nutzen die Aufzeichnungsfunktion in Patientengesprächen und bei Hausbesuchen.
Bemerkenswert ist der qualitative Sprung. Wo die ersten Zusammenfassungen gerade so brauchbar waren, beschreibt Spieren die heutigen Ergebnisse als „sensationell gut". Der Effekt geht über reine Zeitersparnis hinaus: Mit dem System dokumentiert er mehr Kontext, mehr Informationen – auch Details, die er früher „ins dritte, vierte Reihe gestellt" hätte. Für die Akzeptanz auf Patientenseite gilt eine einfache Regel, die sich durch die ganze Folge zieht: Wo ein erkennbarer Nutzen entsteht, ist die Zustimmung hoch. Wo das System den Weg genauso beschwerlich macht wie vorher, entsteht ein Akzeptanzproblem. Spieren erklärt jede Neuerung in zwei Sätzen, zeigt am Ende das Ergebnis – und vermeidet bewusst das Buzzword „KI", indem er schlicht von „der Maschine" spricht.
Von der Dokumentation zur verständlichen Patientenkommunikation
Ein zweiter Hebel liegt in der Übersetzung. Die ärztliche Dokumentation entsteht in Medizinersprache – parallel kann dasselbe Tool sie in patientenverständliches Deutsch übertragen. Das kommt laut Spieren „total gut" an, auch wenn die Automatisierung hier noch nicht den Reifegrad hat, den er sich wünscht. Sein Zielbild: Nach dem Gespräch landet die ärztliche Doku in seinem System, während der Patient – bei entsprechender Einwilligung – automatisch eine verständliche Nachricht in seine elektronische Patientenakte oder per E-Mail erhält.
Besonders praxisrelevant wird das bei fremden Arztbriefen. Anbieter übersetzen heute bereits Klinikbriefe in verständliches Deutsch und ergänzen konkrete Handlungsanweisungen: „Sie müssen jetzt eine Überweisung besorgen, damit die und die Untersuchung erfolgen kann, und das bitte bis zum 14. Juni." Für Spieren ist das mehr als Komfort – es ist eine Voraussetzung für selbstbestimmte, mündige Patientinnen und Patienten, die eigenständig über ihre Gesundheit entscheiden können.
Clinical Decision Support und automatisierte Routinen
Die Anbieter von Ambient Listening gehen den nächsten Schritt in Richtung Clinical Decision Support: Auf Basis des Gesprächs Hinweise geben, was noch abzuklären wäre – der berühmte Copilot, der über die Schulter schaut. Spieren bewertet diese Entwicklung klar positiv, weil sie „vor allen Dingen Qualität in der Medizin deutlich verbessern" wird. Entscheidend ist für ihn die Konfigurierbarkeit: Auf welche Datenbasis greift das System zu? Lässt sich einstellen, welche Leitlinien herangezogen werden – nur die hausärztliche oder zusätzlich die für Kardiologen und Diabetologen? Diese Flexibilität bildet ab, was im ärztlichen Kopf ohnehin täglich passiert.
Den noch schnelleren Mehrwert sieht Spieren allerdings in einem Zwischenschritt: Die Modelle können Aufgaben aus Gesprächen herausziehen. Spricht der Arzt eine Verordnung aus, entsteht daraus eine Rezeptvorlage. Das Zukunftsbild: Die Verordnung landet automatisch im Verordnungsmodul der Praxisverwaltungssoftware, das Rezept ist fertig und muss nur noch unterschrieben werden – analog für Krankschreibung und Überweisung. Dieser „neutrale Mehrwert" dürfte schneller Akzeptanz schaffen als komplexere Entscheidungsunterstützung, weil er unmittelbar entlastet, ohne in die ärztliche Bewertung einzugreifen.
Prädiktion: von der Momentaufnahme zum kontinuierlichen Bild
Spannend wird es, wo KI über die Einzelmessung hinausgeht. Schon mit wenigen ohnehin erhobenen Parametern – Blutdruck, Größe, Alter, Medikation – lassen sich heute Vorhersagen treffen, etwa zum Risiko einer Nierenerkrankung. Jan Zeggel verweist auf den nächsten Reifegrad: die Integration variabler, kontinuierlicher Daten. arztkonsultation arbeitet mit Technologiepartnern zusammen, deren Prädiktionsmodelle als Medizinprodukt zugelassen sind und – bislang vor allem im stationären Bereich – Sepsis oder Infektionen Stunden bis Tage vor der klinischen Nachweisbarkeit detektieren können. Für Prävention und Versorgungssteuerung eröffnet das eine neue Ebene.
Den größten gesamtgesellschaftlichen Hebel sehen beide in der Pflege. Wo täglich professionelle Unterstützung vor Ort ist, lassen sich Vitaldaten regelmäßig – mit Wearables sogar fortlaufend – erfassen. Das Beispiel eines telemedizinisch angebundenen Landwirts nach Herzinfarkt zeigt das Potenzial: kontinuierliche Überwachung, weniger Wege, hohe Sicherheit. Die Aufgabe besteht darin, solche Modelle aus Spezialfällen in die Fläche zu bringen.
Die unbequemen Wahrheiten: Haftung, Regulatorik, Vergütung
So überzeugend die Use Cases sind – die Folge spart die Hürden nicht aus. Beim Telemonitoring taucht zuverlässig das Haftungsargument auf. Spieren plädiert für realistisches Erwartungsmanagement: Monitoring bedeutet nicht, dass rund um die Uhr jemand zusieht. „Mit dem Ding ist kein hundertprozentiger Schutz, aber Mensch und Maschine zusammen machen immer eine bessere Überwachung als ohne." Patientinnen und Patienten müssen entsprechend abgeholt werden.
Beim Thema DiGA wird die Diskussion deutlich. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, die digitale Gesundheitsanwendungen überhaupt verordnen können – doch der Einlöseprozess hakt. Mit Einführung des DiGA-E-Rezepts sind die Einlösequoten laut der besprochenen Zahlen auf 14 Prozent gefallen. Hinzu kommen Budgetsorgen, Prüfdruck einzelner Kassen und der widersinnige Fall, dass große Krankenkassen das DiGA-E-Rezept nicht annehmen. Das Ergebnis: Ärzte verordnen vorsichtshalber weniger – obwohl DiGA eigentlich der digitale Weg vom Patienten in die Praxis wären.
Auch die Vergütung steht im Weg. Solange sich Disease-Management-Programme nur rechnen, wenn der Patient zur Blutabnahme in die Praxis kommt, bleibt ein flächendeckendes Monitoring – etwa beim Diabetes – die Ausnahme statt die Regel. Beide sind überzeugt: Diese Abrechnungsmodalitäten werden sich ändern müssen. Hinzu kommt der föderale Flickenteppich und die offene Frage, wie Daten aus Apps und DiGA datenschutzkonform und über saubere Schnittstellen in die Praxissysteme gelangen.
Gerätegestützte Medizin und die Renaissance der Alltagsgegenstände
Ein eigenes Kapitel ist die KI in der Hardware. Beim EKG und in der Lungenfunktionsdiagnostik liefern Tools schon länger gute Auswertungen; der Mehrwert entsteht im Abgleich zwischen Maschine und der MFA, die live am Patienten ist. Spieren denkt weiter – etwa an digitale Stethoskope, die signalisieren: „Stopp, hast du nicht richtig gehört." Und an die Erkenntnis, dass ein EKG weit mehr Signale aufnimmt, als das menschliche Auge an den Zacken erkennt – Signale mit Prädiktionscharakter.
Wie nah Forschung und Alltag zusammenrücken, zeigt eine von Zeggel beschriebene Fraunhofer-Entwicklung: Ein handelsübliches Smartphone, auf die Kleidung gelegt, erkennt über den Bewegungssensor Bewegungen der Herzklappe. Kein Zwölf-Kanal-EKG, aber ausreichend für viele Grundaussagen – aktuell im Zulassungsverfahren als Medizinprodukt. Genau hier entsteht die strategisch wichtigste Frage: Wenn Patienten zu Hause valide messen können, verändert das die Patientensteuerung grundlegend. Statt an 24 Stellen parallel Termine zu suchen, ließen sich Menschen gezielt lenken – per Videosprechstunde direkt zum passenden Spezialisten, ohne unnötige Zwischenstationen.
Das Fazit: Es geht nur gemeinsam
Die Konsequenz reicht bis ins Geschäftsmodell der Praxen. Wenn Versorgung künftig stärker über qualifizierte Steuerung statt über „viele Karten im Kartenlesegerät" funktioniert, müssen sich Vergütungsstrukturen verändern – und mit ihnen das Selbstverständnis vieler Kolleginnen und Kollegen. Beide sehen darin keine Einschränkung, sondern eine andere Art, Gesundheitsversorgung zu organisieren: hybrid statt rein digital, mit klaren Mitwirkungspflichten auf beiden Seiten und enger Zusammenarbeit über Berufsgruppen hinweg, bis hin zu den Apotheken.
Das Schlusswort der Folge fasst die Haltung zusammen: KI, Mensch und Maschine gehören zusammen. Manchmal muss der Patient vor Ort sein – doch das Spektrum der Fälle, in denen das nicht mehr nötig ist, wird sich durch KI und KI-basierte Diagnostik spürbar erweitern. Oder, wie Stefan Spieren es zuspitzt: „Wenn wir Ärzte nicht wollen, werden die Patienten uns das schon erklären, wie's laufen muss."
„All About Telemedizin" ist der Live-Podcast von Jan Zeggel und Stefan Spieren. In Folge 26 geht es um Robotik in der Versorgung – mit Fokus auf Pflege und stationären Bereich. Die Diskussion läuft live auf LinkedIn; Fragen und Anmerkungen aus den Kommentaren greifen die Hosts direkt auf.