
AAT #26 Robotik in der Medizin: zwischen Hype und Alltag
Humanoide Roboter machen auf Social Media Saltos und sortieren Pakete im Wettbewerb. Doch was leistet Robotik heute wirklich in Arztpraxis, Krankenhaus und Pflegeeinrichtung? Dieser Frage sind Jan Zeggel und Stefan Spieren in Folge 26 von „All About Telemedizin" nachgegangen. Zu Gast: Alexander Maximilian Pröll von 10x Robotics. Er beschäftigt sich seit zehn Jahren mit Robotik in Medizin und Pflege. Sein Fazit vorweg: Die Technik ist weiter, als viele denken. Die größten Hürden liegen woanders.
Was heute schon funktioniert
Die spektakulären humanoiden Roboter dominieren die Schlagzeilen. Im Versorgungsalltag angekommen sind aber vor allem spezialisierte Systeme für konkrete Aufgaben. Reinigungsroboter übernehmen die Bodenreinigung in Seniorenheimen und großen Einrichtungen. Transportroboter bringen Material von A nach B. Guidance-Roboter führen Patientinnen und Patienten durch weitläufige Gebäude oder rufen sie aus dem Wartebereich auf.
Gerade die Reinigungsrobotik lässt sich wirtschaftlich sauber durchrechnen. Etwa 70 bis 80 Prozent der Bodenreinigung sind heute automatisierbar. Die Kosten stehen den Ausgaben für externe Dienstleister direkt gegenüber. Für große MVZ und Kliniken mit weiten Wegen ergibt sich so ein klarer Business Case. In der kleinen Hausarztpraxis mit vier Metern zwischen Wartezimmer und Behandlungsraum sieht die Rechnung anders aus.
Der größte Blocker: die Infrastruktur
Warum sehen wir Roboter dann nicht längst in jeder Klinik? Die überraschende Antwort aus der Folge: Es liegt selten an der Technik. Roboter brauchen eine verlässliche WLAN-Ausleuchtung, vernetzte Türen und ansteuerbare Aufzüge. Genau daran scheitert es in vielen deutschen Einrichtungen. Pröll berichtet von Projekten, in denen die Verbindung zwischen Eingangstür und Flur schlicht abbricht. Dazu kommen Bürokratie, neue Verordnungen und Kosten, die bei der Nachrüstung von Gebäuden schnell explodieren.
Die Konsequenz: Bevor Roboter ihr Potenzial entfalten können, müssen Kliniken und Pflegeeinrichtungen ihre Gebäude automatisieren. Konnektivität ist die Basis für alles Weitere.
Die Akzeptanz ist längst da
Ein Vorurteil hält sich hartnäckig: Ältere Menschen wollen keine Roboter. Die Erfahrung aus zehn Jahren Praxis zeigt das Gegenteil. Patientinnen und Patienten nehmen robotische Systeme sehr positiv an, auch in der Pflege. Und beim Personal? Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust spielt kaum noch eine Rolle. Das drängendere Problem ist die Überlastung durch fehlende Fachkräfte. Entscheidend ist, die Mitarbeitenden bei der Einführung mitzunehmen und zu schulen. Ein System, das niemand einschaltet, hilft niemandem.
Die Zukunft liegt in der Häuslichkeit
Rund 80 Prozent der Pflege in Deutschland findet zu Hause statt. Genau dort sieht Pröll den wichtigsten Anwendungsfall: Robotik und KI, die Menschen ermöglichen, länger in den eigenen vier Wänden zu bleiben. 10x Robotics arbeitet dafür an einer alltagsbegleitenden KI mit Datenhoheit in Deutschland. Sie soll Senioren und andere Menschen mit Unterstützungsbedarf begleiten und langfristig auch Roboter im Zuhause steuern.
Auch die Kosten entwickeln sich in diese Richtung. Im Modell Robot as a Service liegen die monatlichen Gebühren aktuell bei etwa 500 bis 1.000 Euro. Humanoide Roboter starten bei rund 15.000 Euro und werden durch Massenproduktion günstiger. Stefan Spieren hält in der Folge kritisch dagegen: Noch gibt es nicht den einen Roboter, der beim Aufstehen hilft, Medikamente stellt und den Alltag begleitet. Der Gap zwischen Unterhaltung und echter Pflegeentlastung ist real. Offen bleibt auch die Finanzierungsfrage. Ein Impuls aus dem Live-Chat: Warum sollten Pflegekassen künftig nicht auch Robotik als Hilfsmittel finanzieren, wenn sie den Verbleib in der Häuslichkeit ermöglicht?
Das Fazit der Folge
Robotik in der Medizin ist kein Hype mehr, aber auch noch kein flächendeckender Alltag. Reinigung, Transport und Wegführung funktionieren heute schon wirtschaftlich. Für den nächsten Schritt braucht es bessere Infrastruktur, klare Regulation und tragfähige Finanzierungsmodelle. Prölls Prognose: In etwa fünf Jahren kommen humanoide Roboter weltweit im Alltag an. In Deutschland dauert es eher zehn.
Die komplette Diskussion mit allen Details, Praxisbeispielen und den Fragen aus der Live-Community gibt es in Folge 26 von „All About Telemedizin".