
AAT #27 Die elektronische Patientenakte als Interoperabilitätsbooster
Was die ePA im Praxisalltag heute schon leistet und was noch fehlt
Zur Folge 27 des Podcasts „All about Telemedizin" mit Jan Zeggel und Stefan Spieren
https://all-about-telemedizin.podigee.io/27-epa-als-interoperabilitatsbooster
Knapp 76 Millionen elektronische Patientenakten sind in Deutschland eingerichtet. Rund 100 Millionen Dokumente liegen darin. Das klingt nach viel, ist im Schnitt aber gerade einmal ein Dokument pro Akte. Genau an dieser Zahl entzündet sich die Kritik: Die ePA sei leer, ein Grab voller PDFs, ein Mammutprojekt mit über 20 Jahren Verspätung. In der ersten Folge nach der Sommerpause haben Jan Zeggel und Hausarzt Stefan Spieren einen anderen Blick gewagt. Sie fragen nicht, was der ePA noch fehlt, sondern was sie im Praxisalltag heute schon verändert. Und sie kommen zu einem klaren Ergebnis: Jede Information in der Akte ist mehr wert als keine.
Die Urlaubszeit als Praxistest
Kaum eine Zeit im Jahr zeigt den Wert einer gut gefüllten Patientenakte so deutlich wie die Sommerferien. Praxen vertreten sich gegenseitig, Patientinnen und Patienten stehen vor Ärzten, die sie nicht kennen. Früher hieß das: Anamnese von vorn, Medikationsliste aus dem Gedächtnis, Befunde irgendwo im Ordner zu Hause.
Stefan Spieren zieht nach diesem Sommer eine positive Bilanz. Bei Vertretungspatienten, im Notdienst und nach Klinikentlassungen hat seine Praxis in diesem Jahr deutlich mehr Einblick als in den Jahren zuvor. Oft ist es die elektronische Medikationsliste, die den Unterschied macht. Wer nachverordnen oder neu verordnen muss, sieht sofort, was der Patient bereits bekommt. Und viele Patientinnen und Patienten erleben in diesem Moment zum ersten Mal, wofür die Akte gut ist: „Ach, ich hatte doch schon mal das und das." „Ja, weiß ich. Ich sehe gerade Ihre elektronische Patientenakte."
Was eine gefüllte ePA konkret spart
Das anschaulichste Beispiel der Folge ist der Patient nach einer Darmoperation. Nach vier oder fünf Tagen wird er entlassen, braucht Folgeverordnungen, vielleicht ein Antibiotikum, das weitergeführt werden muss, und es stehen Kontrolluntersuchungen an. All das steht im Entlassbrief.
In der Papierwelt bedeutet das: Der Patient gibt den Brief an der Anmeldung ab, eine MFA pflegt ihn ins System ein, der Arzt tippt die Medikation ab. Bei einem Entlassbrief mit 20 Medikamenten ist das eine Aufgabe, die Zeit kostet und niemandem Freude macht. Mit der ePA sitzt der Patient im Sprechzimmer, der Arzt klickt auf die Akte, lädt den Brief herunter und übernimmt die Medikation mit zwei, drei Klicks in den Medikationsplan seines Praxisverwaltungssystems. Meistens haben die Mitarbeiterinnen das ohnehin schon erledigt, weil es so schnell geht.
Der Gewinn liegt nicht nur beim Arzt. Die Arbeitsschritte zwischen Praxistür und Sprechzimmer, die eine MFA früher erledigen musste, fallen weg. Die Zeit fließt in Aufgaben, die medizinisch relevant sind: eine Wunde ansehen, Blutdruck messen, mit dem Patienten sprechen. Stefan Spieren bringt es auf den Punkt: Er ist Arzt geworden, um Menschen zu untersuchen und zu beraten, nicht um Medikamente abzutippen.
Warum das PVS über den Befüllungsgrad entscheidet
Wer heute Arztbriefe aus verschiedenen Praxen erhält, kann grob erkennen, welches Praxisverwaltungssystem dahintersteckt. Manche Systeme machen die Befüllung der ePA zum Rechtsklick. Ein per KIM empfangener Brief wandert ohne Zwischenschritt in die Akte. Andere Systeme sind noch auf dem Weg dorthin. Entsprechend unterschiedlich fällt die Bereitschaft der Praxen aus, die Akte regelmäßig zu füllen.
Dazu kommt ein zweiter Faktor: Die ePA ist etwas Neues, das erst in bestehende Abläufe integriert werden muss. Was nicht aktiv angestoßen wird, bleibt liegen. Gleichzeitig gilt für alle Leistungserbringer eine gesetzliche Pflicht zur Befüllung. In den Praxen ist das inzwischen weitgehend Standard.
Die Kliniken fehlen
Deutlich kritischer fällt der Blick auf die Krankenhäuser aus. Seit dem 1. April sind auch Kliniken zur Befüllung verpflichtet. In Stefan Spierens Region macht das bislang kein Krankenhaus regelhaft. Es gibt Ausnahmen, und die zeigen, was möglich ist: Wenn ein Entlassbrief in der ePA liegt, kann der Hausarzt schon in der Videosprechstunde mit dem Patienten gemeinsam die Dokumente durchgehen und Entscheidungen treffen.
Ein pragmatischer Hebel sind die Patientinnen und Patienten selbst. Wer vor einer Klinikeinweisung darauf hingewiesen wird, im Krankenhaus die Ablage des Briefs in der ePA einzufordern, bekommt sie in der Regel auch. Der Alternativfall ist bekannt: ein vorläufiger Papierbrief, fehlende Laborwerte, ein zweiter Weg ins Krankenhaus, um die vollständigen Unterlagen zu holen.
Auch die Praxen selbst haben noch Hausaufgaben. Peripheriegeräte wie EKG oder Ultraschall waren nie dafür ausgelegt, ihre Daten an eine Patientenakte zu übergeben. Was nicht im PVS liegt, kann nur manuell in die ePA. Wer seine Geräte so konfiguriert, dass die Daten zentral im PVS landen, braucht dafür geeignete Software und ein Umdenken im Team. Derselbe Mechanismus erklärt, warum Kliniken mit ihren verteilten Systemen und Kommunikationsservern noch schwerer tun.
Der Patient entscheidet. Und das ist kein Gegenargument.
Ein Einwand aus der Live-Community lautete: Der Patient bestimmt, was in der Akte steht, also kann sich der Arzt nie auf Vollständigkeit verlassen. Stefan Spieren hält dagegen, dass sich daran nichts geändert hat. Auch der dicke Papierordner, den ein Patient mitbringt, ist eine Auswahl. Ein Arzt kann immer nur behandeln, was er weiß. Mit ePA weiß er deutlich mehr als ohne. Dass Patientinnen und Patienten selbst entscheiden, welche Diagnosen welcher Facharzt sehen darf, ist richtig und kein Argument für oder gegen die Akte.
Krankenkassen und ePA-Daten: differenziert statt pauschal
Mit den anstehenden Gesetzesvorhaben sollen Krankenkassen mehr Möglichkeiten bekommen, Versicherte anhand von Abrechnungs- und Aktendaten in Versorgungs- und Präventionsprogramme zu steuern. Das Gesetz hat vor der Sommerpause die erste Lesung im Bundestag passiert.
Die Position der Hosts ist differenziert. Ein pauschales Nein hilft nicht, ein Vollzugriff ebenso wenig. Sinnvoll sind Erinnerungen an Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen oder Kontrolltermine im DMP, wenn der Patient dem zugestimmt hat. Kuratierte Informationen der Krankenkasse sind besser als die Suche im Internetforum. Therapieentscheidungen bleiben ärztliche Aufgabe. Entscheidend ist, dass Versicherte in der ePA-App oder Kassen-App selbst festlegen können, welche Hinweise sie erhalten wollen.
Wearables, PROMs und die Frage: Wer konsolidiert die Daten?
Der zweite Teil der Folge blickt nach vorn. Immer mehr Patientinnen und Patienten tracken Gewicht, Blutdruck, Herzfrequenz oder Schlaf mit Smartwatch oder Ring. Stefan Spieren ermutigt seine Patienten aktiv dazu. Das Problem beginnt danach: Excel-Tabellen mit 30 Seiten, wochenlange Kopfschmerz- oder Ernährungstagebücher. Kein Arzt kann das in der Sprechstunde auswerten.
Was fehlt, ist eine vernünftige Aufbereitung: Durchschnittswerte, Verläufe, markierte Ereignisse wie Urlaub oder Stressphasen. Dieselbe Frage stellt sich bei strukturierten Laborwerten, die als Nächstes in die ePA kommen. Ein Dialysepatient produziert im Quartal tausende Werte.
Wer soll diese Konsolidierung übernehmen? Google und Microsoft wollen es, dazu zahlreiche gut finanzierte Start-ups. Stefan Spieren mahnt zur Vorsicht: Wer Daten kostenlos aufbereitet, hat meist ein Interesse an den Daten. Empfehlungen, die aus Herzfrequenz und Gewicht ein Nahrungsergänzungsmittel ableiten, sind genau das, was niemand will. Neutral gedacht müssten die Rohdaten in die ePA fließen und dort nach festgelegten Standards konsolidiert werden. Wer die Ergebnisse in der Praxis darstellt, sind aus seiner Sicht am ehesten die zertifizierten PVS- und KIS-Hersteller, ergänzt um Drittanbieter, die über offene Schnittstellen andocken.
KI in der ePA: Die Governance-Frage
Jan Zeggel bringt den technologischen Kontext ein: Die Diskussion über Strukturierung, die die Branche zehn Jahre beschäftigt hat, ist durch KI weitgehend überholt. Informationen aus PDFs zu extrahieren, Muster in der Historie zu erkennen und mit validen Wissensdatenbanken abzugleichen, ist heute technisch gelöst. Die eigentliche Frage lautet: Welche KI kommt in die ePA, und wer kontrolliert sie? Das wird eine Compliance- und Governance-Frage, keine technische.
Ein Kommentar aus dem Stream erinnert daran, dass es dafür nicht einmal KI bräuchte. Die richtige Verknüpfung von Laborwert, Diagnose und Medikation scheitert heute an der Disziplin im Alltag. Ältere PVS-Generationen erzwangen die Diagnose zu jeder Verordnung. Diese Funktion wurde wieder entfernt. KI kann hier zumindest 90 bis 95 Prozent Ordnung schaffen, wo Menschen keine Zeit dafür finden.
Pflege: Ein Denkfehler im Zugriffskonzept
In Pflegeeinrichtungen werden täglich Vitalwerte erhoben und Wunden dokumentiert. In der ePA landet davon nichts. Stefan Spieren beschreibt ein strukturelles Problem: Dauerhafter Zugriff auf eine ePA lässt sich nur über die ePA-App einrichten. Nur fünf bis zehn Prozent der Versicherten nutzen sie, in Pflegeheimen noch weniger. Ohne App und ohne gesteckte Karte kann der Kardiologe oder Neurologe, den ein Heimbewohner seltener sieht als den Hausarzt, nicht auf die Akte zugreifen. Die Ombudsstellen der Krankenkassen sind dafür nicht zuständig. Hier braucht das System einen zusätzlichen Weg.
Bis dahin läuft der Austausch mit den Heimen über KIM. Das funktioniert, setzt aber immer voraus, dass jemand aktiv etwas schickt.
TI-Messenger: Weiterer Kanal oder Ablösung?
Ob der TI-Messenger diese Lücke schließen kann, sehen die beiden Hosts unterschiedlich gewichtet. Stefan Spieren sieht in TIM einen weiteren Kanal neben KIM, ePA und Fax, der Praxen und Pflegekräfte zusätzlich belastet, solange die Kommunikation nicht vollständig im PVS dokumentiert wird. Jan Zeggel sieht das große Potenzial an der Stelle, an der TIM mehr wird als ein Chat: Bots und Agenten, die ein Wundbild automatisch vorbewerten, Terminanfragen einer Pflegeeinrichtung mit freien Slots abgleichen und den Einwahllink zur Videosprechstunde direkt im selben Chat verschicken.
Dass das heute schon funktioniert, zeigte ein Kommentar aus dem Stream: Ein niedergelassener Internist berichtet von Videosprechstunden am Pflegebett und Wunddokumentation per TIM-Bild direkt auf den Praxisdesktop. Er will das seit Jahren nicht mehr missen.
Das Fazit: Befüllt die ePA
Bei aller Zukunftsmusik kommen beide Hosts auf den Anfang zurück. Konsolidierung, Dashboards und KI setzen voraus, dass Daten in der Akte liegen. Der Appell richtet sich an Praxen, Kliniken und an die Ärztinnen und Ärzte selbst: Dokumente in die ePA, Patienten die Akte erklären, Kliniken an ihre Pflicht erinnern. Die Standards sind da, die großen Hersteller haben offene Schnittstellen. Wer heute mitmachen will, kann das.
Stefan Spierens Schlusswort fasst zusammen, worum es bei jeder dieser Technologien geht: Sie entlasten Menschen. Und Menschen, die entlastet werden, haben Zeit für Menschen.
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Folge 27 von „All about Telemedizin" gibt es überall, wo es Podcasts gibt. Der Podcast wird live auf LinkedIn aufgezeichnet, die Kommentare aus dem Stream fließen direkt in die Diskussion ein. Wer bei der nächsten Folge live dabei sein möchte, folgt Jan Zeggel und Stefan Spieren auf LinkedIn.