
AAT #28 TI 2.0 im Praxistest: Wie der TI-Messenger eine Hausarztpraxis verändert hat
Knapp 7.300 Einrichtungen nutzten laut Gematik-Dashboard im März 2026 einen TI-Messenger. Rund 250.000 Versicherte hatten sich über die ePA-App dafür registriert. Bei etwa 60.000 Hausarztpraxen allein in Deutschland ist das eine sehr überschaubare Gemeinde. Der TI-Messenger, kurz TIM, ist einmal vielversprechend gestartet und dann nicht richtig ins Laufen gekommen. Er ist nicht verpflichtend, er kostet eine Nutzungsgebühr, und solange ihn kaum jemand nutzt, fragt sich jede Praxis zu Recht, warum ausgerechnet sie anfangen soll. Das klassische Henne-Ei-Problem.
Genau deshalb lohnt der Blick in eine Praxis, die es trotzdem gemacht hat. In Folge 28 von „All about Telemedizin" ist Matthias Hempel zu Gast, Hausarzt in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis in Detmold und nach eigener Beschreibung Teil eines digital ausgesprochen leidensfähigen Teams. Seine Praxis ist beim TIM vom skeptischen Ausprobierer zum Power-User geworden. Gemeinsam mit Jan Zeggel und Stefan Spieren macht er einen Reality Check: Was funktioniert heute schon, wo hakt es, und was muss passieren, damit der TIM sein Potenzial für die Versorgung entfaltet?
Der harte Schnitt: von WhatsApp zu TIM
Matthias Hempels Einstieg klingt vertraut. Die Praxis hatte ihre WhatsApp-Gruppen, eine für das ganze Team, eine für die Ärzte, eine für die MFAs, eine für die Diabetesberaterinnen. Als die Frage aufkam, ob man nicht einmal den TIM ausprobieren wolle, war die erste Reaktion: Was soll ich damit? Die Neugier siegte trotzdem.
Entscheidend war dann die Konsequenz. Die Praxis fuhr nicht zweigleisig, sondern machte einen harten Schnitt. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden im TIM onboardet, was wegen der Sicherheitsanforderungen etwas aufwendiger ist als bei WhatsApp und mit Zwei-Faktor-Authentifizierung arbeitet. Dann hieß es: Ab Montag nur noch TIM. Die WhatsApp-Gruppen wurden spiegelbildlich als TIM-Räume angelegt, und die interne Kommunikation lief fortan komplett über den neuen Kanal.
Klarnamen erlaubt: Datenschutz als eingebautes Feature
Die erste spürbare Erleichterung kam schneller als erwartet. Wer Patienteninformationen über WhatsApp austauscht, behilft sich mit Kürzeln: W. P., geboren am, Kalium von 6,3, bitte kümmern. Im TIM ist das nicht mehr nötig. Die Kommunikation ist sicher, Klarnamen und Patientendaten dürfen genannt werden. Matthias Hempel erzählt, dass sein Team diese Erlaubnis regelrecht lernen musste. Es dauerte, bis sich alle trauten, den Namen einfach auszuschreiben. Heute empfindet das Team genau das als Luxus: keine Verschlüsselungsakrobatik mehr, keine abgedeckten Namen, einfach raus mit der Information.
Für eine Praxis dieser Größe ist das kein Detail. Neun Ärzte, 25 MFAs, vier Bürokräfte und fünf Diabetesberaterinnen arbeiten auf 800 Quadratmetern über zwei Stockwerke verteilt. Alle gleichzeitig in einen Raum zu bekommen, gelingt praktisch nie. Der TIM ist das Medium, über das Informationen sicher und nachweisbar alle erreichen.
KIM oder TIM? Der Streit um den Mehrwert
Stefan Spieren übernimmt in der Folge die Rolle des kritischen Nachfragers, und er tut das mit einem sehr konkreten Beispiel. Sein Apotheker sagt ihm: Ob ich dir eine KIM-Nachricht schreibe oder eine TIM-Nachricht, ist für mich ein weiterer Weg. Ins KIM-Postfach schaust du sowieso regelmäßig. Warum also der zusätzliche Kanal, der am Ende nur einen zweiten Eingangskanal schafft, den das Team im Blick behalten muss?
Matthias Hempels Antwort läuft auf eine einfache Unterscheidung hinaus. KIM ist wie E-Mail: ein Postfach, das nach und nach abgearbeitet wird, gut für Befunde, Arztbriefe und alles Formelle. TIM ist wie ein Chat: kurz, informell, sofort. Die Frage an die Apotheke, ob Digitoxin wieder lieferbar ist, während der Patient noch vor einem sitzt, und die Antwort kommt Sekunden später. In seiner Praxis läuft der TIM im Browser auf 30 Rechnern. Kommt eine Nachricht, blendet der Browser eine Vorschau ein, auch wenn das Fenster gerade im Hintergrund liegt. Der TIM ist damit die Fast Lane der Praxiskommunikation, schneller, direkter und präziser als der formelle Kanal daneben.
Ganz überzeugt ist Stefan Spieren davon nicht, und das macht die Diskussion ehrlich. Eine saubere Trennung der Use Cases funktioniert nur, wenn auch die Gegenseite sie kennt und mitträgt. Solange das nicht der Fall ist, bleibt die Sorge vor dem zweiten Eingangskanal berechtigt.
Vom Teamchat in die Versorgung: Wundbilder aus dem Seniorenheim
Richtig interessant wird der TIM dort, wo er die Praxisgrenze überschreitet. Der TI-Messenger basiert wie alle zugelassenen Lösungen auf dem Matrix-Protokoll. Alle Anbieter sprechen dieselbe Sprache, jede Einrichtung kann ihren eigenen Hersteller wählen und trotzdem anbieterübergreifend kommunizieren. Und anders als viele TI-Anwendungen braucht der TIM keinen Connector und keine besondere Hardware. Ein Handy reicht.
In der Praxis Hempel sieht das so aus: Wenn eine speziell weitergebildete MFA, eine EVA oder VERAH, zum Hausbesuch ins Seniorenheim fährt, hat sie den TIM als App auf dem Handy dabei. Fällt am Patientenbett etwas auf, ein Ausschlag in der Leiste, eine Gürtelrose im Gesicht, macht sie ein Foto und schickt es ab. Im selben Moment liegt das Bild im Sprechzimmer auf dem Bildschirm, und der Arzt kann reagieren. Konsequent weitergedacht könnte diese Aufgabe sogar die Pflegekraft im Heim selbst übernehmen. Einen Messenger bedienen kann jeder, der WhatsApp oder Signal nutzt: App auf, Foto, senden.
Genau hier bohrt Matthias Hempel nach eigenen Worten dicke Bretter. Die Seniorenheime, gerade erst verpflichtend an KIM angebunden, haben von der TI erst einmal die Nase voll und schicken weiter Faxe. Dabei wäre ihr Nutzen enorm, denn ihr Dauerproblem ist die Erreichbarkeit der Praxen: Faxe bleiben liegen, Anrufe landen beim Telefonassistenten, Rückrufe dauern. Über den TIM ist die Praxis in Sekunden erreichbar. Bei den Apotheken ist das Interesse größer, in Detmold laufen bereits die ersten Tests. Und als Ausbaustufe steht die Ad-hoc-Videosprechstunde direkt im Chat im Raum, ein Punkt, den auch Stefan Spieren als echtes Argument gelten lässt, etwa für den Blick auf eine offene Wunde im Heim.
Feierabend per Knopfdruck
Ein Aspekt der Folge dürfte für viele Praxisteams den Ausschlag geben, und er hat mit Technik nur am Rande zu tun. Die TIM-App läuft in der Praxis Hempel auf den privaten Handys der MFAs, freiwillig, jede konnte selbst entscheiden. Dass am Ende alle mitmachen, liegt an einer Funktion, die WhatsApp so nicht bietet: Die berufliche App lässt sich komplett stummschalten. Wer Feierabend hat, stellt sie aus und bekommt nichts mehr mit.
Bei WhatsApp funktioniert das nicht, weil privat und beruflich in derselben App liegen. Wer nachschaut, ob die Tochter geschrieben hat, sieht auch die sechs neuen Nachrichten aus der Praxisgruppe. Der TIM trennt beide Welten sauber. Matthias Hempel kann seine Ideen um 22 Uhr vom Sofa aus posten, ohne schlechtes Gewissen. Wer sie nicht sehen will, hat die App aus. Stefan Spieren, sonst der Skeptiker der Runde, nennt genau das elegant: eine Teamkommunikation, bei der niemand mehr auf den Datenschutz achten muss, weil die Anwendung das übernimmt, und bei der trotzdem jeder Feierabend hat.
Die Grenze: Der TIM kennt das PVS nicht
Bei allen Mehrwerten bleibt eine Lücke, und sie zieht sich als roter Faden durch die Folge: Eine echte Integration des TI-Messengers ins Praxisverwaltungssystem gibt es noch nicht. Die Hersteller arbeiten daran, aber Matthias Hempel geht nicht davon aus, dass die TIM-Anbindung bei den rund 100 PVS-Herstellern ganz oben auf der To-do-Liste steht, zu voll ist die Liste der Pflichtvorgaben.
Seine Praxis wartet nicht und hat sich einen Workaround gebaut. Die Wundbilder, die per TIM in der Praxis ankommen, wandern per Speichern-unter in das Archivsystem und werden dort manuell dem richtigen Patienten zugeordnet. Für die Praxis funktioniert das erstaunlich gut, so gut, dass die frühere Foto-App samt Praxistablet ausgemustert wurde. Der Grund ist banal: Das Tablet lag nie dort, wo es liegen sollte. Das eigene Handy hat jeder in der Tasche. Handy raus, Foto machen, fertig. Die Idee kam übrigens nicht vom Chef, sondern aus dem MFA-Team.
Stefan Spieren hält trotzdem dagegen, und auch die Live-Community sieht es kritisch: Ohne PVS-Integration bleibt es ein Behelf. Die strukturierte Wunddokumentation muss weiterhin manuell ins System, der Patientenkontext wird von Hand hergestellt. Jan Zeggel ordnet es grundsätzlich ein: Wenn solche manuellen Workarounds jeden Tag hunderttausendfach in deutschen Praxen laufen, ist das eine gewaltige Ineffizienz. Dass Versorgung an so profanen Dingen wie technischen Schnittstellen scheitert, obwohl längst alles lösbar ist, darf kein Dauerzustand sein. Die PVS-Integration ist aus Sicht aller drei der zentrale Schlüssel, um den TIM in die Fläche zu bringen.
Was kostet der Einstieg?
Eine Zahl der Folge dürfte viele überraschen. Die Gematik listet aktuell acht zugelassene TIM-Anbieter, und die Preise beginnen bei rund drei Euro pro Nutzer und Monat, teils bei 36 Euro im Jahr. Dazu kommt: keine zusätzliche Hardware, kein Connector, kein Technikprojekt. Browser und Handy reichen. Matthias Hempel, der als Praxisinhaber Telefonassistent, Videosprechstunde und weitere digitale Anwendungen bezahlt, kennt keine andere TI-Anwendung in dieser Preisklasse. Und die Use Cases wachsen mit: Inzwischen ersetzt der TIM in seiner Praxis sogar den Flachbettscanner. Das Diabetestagebuch am Tresen wird abfotografiert statt eingescannt und liegt nach wenigen Klicks in der Akte. Selbst mit einer Krankenkasse hat er schon gechattet und eine Antragsfrage geklärt, für die vorher niemand telefonisch erreichbar war.
Das Fazit: Einfach mal machen
Das Schlusswort von Matthias Hempel ist ein Appell: einfach mal machen. Der TIM ist keine Ehe fürs Leben. Die Hersteller bieten Testzeiträume, die Kosten sind überschaubar, Technik braucht es keine. Wer eine WhatsApp-Gruppe in der Praxis hat, profitiert allein schon aus Datenschutzgründen. Und wer startet, wird nach seiner Erfahrung schnell merken, dass die Use Cases aus dem Team heraus von selbst entstehen. Seiner Praxis darf den TIM heute niemand mehr wegnehmen.
Stefan Spieren ergänzt einen Wunsch an die Hersteller: Testversionen, die diesen Namen verdienen. Vierzehn Tage reichen nicht, ein Team braucht eher ein halbes Jahr, um eine solche Anwendung wirklich zu erproben. Und Jan Zeggel hebt den Blick nach vorn: Für ihn ist der TI-Messenger die mächtigste TI-Anwendung, gerade weil über Chatbots, Agenten und KI im Messenger noch gar nicht gesprochen wurde. Das wird der eigentliche Effizienzhebel. Die Empfehlung der Folge gilt trotzdem schon heute: Mit der internen Teamkommunikation kann jede Einrichtung sofort und niedrigschwellig starten. Wer das tut, ist bereit, wenn PVS-Integration und Videosprechstunde im Chat kommen.
Jetzt reinhören
Folge 28 von „All about Telemedizin" gibt es überall, wo es Podcasts gibt. Der Podcast wird live auf LinkedIn aufgezeichnet, die Kommentare aus dem Stream fließen direkt in die Diskussion ein. Wer bei der nächsten Folge live dabei sein möchte, folgt Jan Zeggel und Stefan Spieren auf LinkedIn.
Ein Termin-Tipp zum Schluss: Am 6. Oktober findet in Leipzig die TI Connect statt, das praxisnahe Vorabend-Event zum TI Summit mit vielen Workshops rund um die Telematikinfrastruktur. Jan Zeggel ist vor Ort und freut sich auf den persönlichen Austausch.